Märkische Oderzeitung 9.6.2011

Unithea-Festival bringt Kleist auf den Stepper

Frankfurt (Oder) (moz) Nein, an Heinrich von Kleist kommt in diesem Jahr wohl keiner vorbei. Auch das deutsch-polnische Theaterfestival Unithea nicht. Drei Türen wollte das von Studenten der Frankfurter Europa-Universität Viadrina auf beiden Seiten der Oder organisierte Spektakel in seiner gestern Abend beendeten 14.Ausgabe nutzen, um durch sie auf künstlerische Weise in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu reisen. Und die Tür in die Vergangenheit, ganz klar, führte da im Jahr seines 200.Todestages auch zu dem in Frankfurt(Oder) geborenen Dichter.


„Von Kleist“ heißt das Kammerstück, dass das Bochumer 99cent theater im Auftrag des Festivals entwickelt hat und das am Mittwochabend in einem vollbesetzten Ladenlokal in der Frankfurter Innenstadt seine Premiere erlebte. „Handeln ist besser als Wissen“, wie Kleist 1801 in einem Brief an seine Schwester Ulrike befand, ist dort als Motto an die Stellwände gepinnt, die die ebenerdige Bühne begrenzen. Von oben verspricht ein Monitor ein kleines Stück Himmel, an dem langsam die Wolken ziehen, während unten Schauspieler Raymond Dudzinski Kleist-Texte rezitierend zwischen Stepper, Schreibtisch und Feldbett pendelt. Dem vielbesprochenen Lebensplan folgt eine Betrachtung des Rheins, es geht um Erkenntnis, Glück und Gefühl, Kleists große Themen eben und – natürlich – immer wieder auch ums fehlende Geld.


Es sind Versatzstücke aus Kleist-Briefen, die Regisseur Boris Mercelot dafür zusammen- montiert hat und die vor allem um die Frage kreisen, wie man leben, wie sein Dasein gestalten soll. Das in Bilder umzusetzen, gelingt ihm jedoch nur selten. Etwa, wenn der Dudzinski-Kleist vehement erklärt, alles für das Erreichen seines (nicht genau definierten) Zieles tun zu wollen und sich dann am Schreibtisch nur gelangweilt die Gummibärchen in den Mund schießt. Als übergreifende Inszenierungsidee des über weite Strecken eher als Deklamationsmarathon daherkommenden Abends muss indessen Sport herhalten. Immer wieder müht sich Dudzinski auf dem Stepper ab oder stemmt Wasserflaschen, um dem Publikum am Ende seine abgeschraubte Beinprothese zu präsentieren. Keine Höchstleistungen möglich also, trotz aller Anstrengung: Münzt man das auf Kleist um, wird es zu einem etwas eigenartigen Resümee, für das das Publikum nach gut einer Stunde mehr höflichen als begeisterten Applaus spendet.

Westdeutsche Allgemeine Zeitung - Montag 20.06.2011


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