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In das Logbuch (abgeleitet von Log, auch Logge; engl. log = [ursprünglich] Holzklotz) wird täglich alles auf die Seefahrt Bezughabende eingetragen und zwar: der gesteuerte Kurs, die Geschwindigkeit, Abtrift, Manöver, Segelführung, Witterung, ferner alle Peilungen. Mittags 12 Uhr wird das Besteck eingetragen.

Beim Einlaufen und Liegen im Hafen werden Einzelheiten zur Tätigkeit eines Lotsen, die Ankerverhältnisse im Hafen oder auf Reede, Wassertiefe, Ebbe- und Flutstrom notiert. Aufnahme ins Logbuch finden auch alle Aktivitäten, welche sich aus dem Seezeremoniell ergeben.

2012-06-11
Mäander
Meine Schritte im Hausflur. In dem spiegelglatten, allwöchentlich geputzten. Meine Schritte sind so: dass sie das Treppenhaus hochfliegen, im obersten Stockwerk durcheinandergehen und über irgendwelche Ritzen, Spalten, durch geöffnete Fenster ins Freie verschwinden.

Dann ein Opa. Beim Flurputz. Klar. Er grüßt misstrauisch. Hinter seinen Augen flackert kurz die Einseinsnull.

Sie wohnt im Zweiten. Die Fußmatte vor der Tür muss vierzig Jahre alt sein. Schmucklos. Grün. Sie ist nicht besonders steif. Tritt man sich die Füße daran ab, verformt sie sich, gibt in alle Richtungen nach, sodass man es sehr behutsam anstellen muss. Auf der Fensterbank steht eine Pflanze. Ich klingele.

Die Klingel macht bom-bam-bim. Tiefe, sanfte Töne. Sie kündigt jeden Besuch erst einmal freundlich an. Während ich warte, überlege ich, ob das so gut ist. Wenn jetzt die Polizei kommt. Oder ein Räuber. Unfreundliche Leute. Man fände sich vom ersten Augenblick an unterlegen. In die Irre geführt, in die Falle gelockt von der eigenen Klingel… Wie war es noch früher, in der alten Wohnung? Ich kann mich nicht mehr erinnern.

Sie ist nicht da. Niemand öffnet. Wieder ins Erdgeschoss. Wieder der Opa. Aus irgendeinem Grund erschrickt er und lässt den Besen fallen. Das spitze Geräusch flattert auf, nur einen halben Meter vielleicht, weiß dann nicht wohin, steigt schließlich in den Keller hinab und stirbt dort.

Ich hinterlasse Mama eine Notiz im Briefkasten. Dass ich da war, alles in Ordnung, keine Sorgen und so.


Jpg
2012-06-09
Du bist Front
Prolog

Neu, relativ, ist, dass in Zentraleuropa relativer Frieden herrscht.
Neu, relativ, ist, dass in den USA weiße und schwarze Bürger dieselben Busse benutzen dürfen.
Neu, relativ, ist, der Staat Israel.
Neu, relativ, ist, dass Frauen Wahlrecht haben.
Neu, relativ, ist, dass Produkte als Bio ausgezeichnet werden.
Neu, relativ, ist, dass bei Militärschlägen die Zivilbevölkerung weitestgehend verschont bleiben soll.

Textus

Seit Barack Obamas Amtsantritt als amerikanischer Präsident im Januar 2009, sind auf der Jagd nach „Terroristen“ in Pakistan 1482 Menschen ums Leben gekommen.
In den ersten 155 Tagen diesen Jahres, haben sich 154 US-Soldaten das Leben genommen.

Epilog

Deutschland hat gerade das 3. von 6 zugesagten U-Booten an den Staat Israel ausgeliefert. Alle Bundestagsparteien mit Ausnahme der Linken befürworten Waffenlieferungen an den Staat Israel. Die deutsche Bundesregierung möchte sich nicht an Spekulationen über die an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit beteiligen, dass diese U-Boote vom israelischen Militär mit atomaren Sprengköpfen ausgerüstet werden.



Fokuspuller
2012-06-06
Welt der Könige
Auch der Souverän hat nach jedem Erwachen Schlaf in Augen und Mund und sucht sich zu orientieren. Er besitzt alle Macht und Entscheidungshoheit, jedoch verfügt er über keine effektive Ordnungsgewalt. Das wird nach Kaffee und Zähne putzen auch nicht besser. Eher schlimmer, denn mit dem Träumen ist es dann zunächst einmal vorbei. Das Reich ist so verlottert wie einmalig; Gesetze sind da nicht mehr als Tageslosungen, die hier und dort in den bunt wuchernden Mist hineintröten, um am Abend bereits wieder vergessen zu sein. Der Souverän kann keine Blüte genießen, er muss sie alle fürchten. Die weisesten unter den vielen Millionen von Königen und Königinnen dieser Tage ziehen die Grenzen daher eng um den Bereich, den sie besorgen und achten auf eine strenge Bewachung. Reichtum wird ihnen dabei nicht zuteil, nicht im landläufigen Sinne zumindest, dafür sitzen sie entspannt in der Sonne bisweilen und genießen am Abend gerne ein Glas Wein. Zum Beispiel. ab
2012-05-30
Mäander
Guten Abend, gute Nacht. Mit Schnitzeln bedacht. Mit Nägeln besteckt. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Du wirst wieder geweckt.

Mein Vater ging sommers immer nackt im Haus spazieren. Er hatte einen dunklen Penis. Die Haare auch, alle kohlrabenschwarz. Sobald er saß, brach ihm der Schweiß aus. Dann marschierte er wieder los. Wohnzimmer, Flur, Küche, Flur, kurz ins Kinderzimmer geguckt, noch kürzer ins Schlafzimmer. Bisschen Selbstgespräche, bisschen was gefragt. Und, Sohn, was machst du? Nix. Aha.

Mein Vater war immer beleidigt, wenn man ihn nicht retten konnte. Mein Bruder allerdings sah dann gar nicht auf. Er muss eine ganz andere Kindheit in Erinnerung haben. Keine Pimmel. Keine dummen Fragen. Vielleicht sieht er nicht einmal den dampfenden Asphalt, wenn er zurücksieht, nicht die giftige Luft über der Tankstelle, nicht die flimmernde Hitze der Kleinstadt, in der Bösartigkeiten aller Größenordnungen wuchsen, nicht die matte, saure Verwesung in den Muskeln der Bürger. Nicht die Lächerlichkeiten, die alles zu beherrschen versuchten.

Mein Vater war ein leidenschaftlicher Mann. Ich glaube, dass er oft geweint hat. Er geriet abends sehr leicht in Wut. Dann beschimpfte er mit großen Gesten die Leute im Fernsehen. Einmal hat er mich ins Gesicht geschlagen. Als ich blutete, entschuldigte er sich. Das mit dem Blut, das hätte er nicht gewollt. Aber dass es wehtäte, das schon. War ihm natürlich unangenehm, das mit dem Blut. Unschön, alles in allem. Da zeigte sich signalfarben etwas, das er nicht von sich wissen wollte.

Mein Vater ging sommers immer nackt im Haus spazieren. Ich fand seinen winzigen Arsch so lustig. So unschuldig. Mit den tiefen Falten unter den flachen Backen. Ein gemütlicher Arsch. Von hinten fand ich ihn immer sympathisch. Mit der einen Seite lebt es sich wohl oft leichter. Aber man kann es doch nicht anders einrichten, man kann nicht immer hinter einem her gehen. Irgendwann sieht man ihn auch von vorne. Und dann hat man sie eben gesehen. Die andere Seite.

Im Rohzustand sind die Erinnerungen problematisch. Man muss etwas wegnehmen oder hinzutun. Man muss sie verwandeln, um sie vielleicht zu ertragen. Oder ganz vergessen – aber das ist für Profis.

Mein Vater ist nie nackt in der Wohnung herumgegangen. Er war ein leidenschaftlicher Mann. Aber er hat mich niemals geschlagen. Er zeigte sich überwiegend von seiner vernünftigen Seite und hat alles getan, um mir seine Handlungen begreiflich zu machen. Wir haben beide aus unseren Fehlern gelernt, und es gibt nichts Unausgesprochenes, das uns umbringen könnte, wenn einer es irgendwann doch sagte. Ich übertreibe. Ich tue ihm Unrecht. Im Rahmen seiner Möglichkeiten war er ein wirklich guter Vater, der Vater von mir.

Guten Abend, gute Nacht. Mit Schnitzeln bedacht. Mit Nägeln besteckt. Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt. Du wirst wieder geweckt. Du wirst wieder geweckt.


Jpg
2012-05-29
Privatkaffee
Während ich warte gliedern sich mir die anwesenden Personen im Raum in Minigruppen. Genauer: ich entziffere Pärchen, gemischtgeschlechtlich, drei Stück. Alle eindeutig jenseits der fünfzig. Die Kommunikationsform der einzelnen Pärchen untereinander ist eine erstaunlich selbstverständlich erscheinende und rigorose Art der gegenseitigen Nichtbeachtung. Wobei mir beim näheren Betrachten des Weiteren auffällt: die Frauen erscheinen mir dabei angezogen, also gekleidet. Wenn auch meinem persönlichen Empfinden nach allesamt auf eine verstörend unsensible Weise; keine präsentiert mir mit ihrem Erscheinungsbild eine gelungene Einheit. Nicht einmal ansatzweise. Und dennoch ist irgendwie Frisur, markieren die Kleidungsstücke Körperzonen, lenken den Blick auf die beringten Hände, schaffen Haltung. Die Männer, alle drei eindeutig in einem sichtlich distanzierenden Sicherheitsabstand zu ihren geschäftig erscheinenden Frauen, die Männer stehen mir etwas verloren und ratlos herum. Und sie erscheinen mir dabei auch nicht angezogen, sondern eher wie eingepackt. In der preisbewussten Kaffeeshopwunderwelt wirken sie wie aus winzigen Zusammenhängen herausgeschnitten. Hier nur vorübergehend abgestellt. Wenn man sie für sich betrachtet. Und der innere Zusammenhang, denke ich, das erscheint mir bemerkenswert. Was mir diese Paare hier als Paare erkenntlich macht, ist offenbar nichts anderes als die Fremdheit, die zwischen ihnen gewachsen ist. Zwischen den Paarteilen, an dieser Stelle. In möglicherweise nur zufälliger Einhelligkeit und Eindeutigkeit, jedoch tatsächlich auf eine bildlich nachvollziehbare Weise. Guatemala Grande bitte, ein Pfund. Mahlen? Ja, aber für den Handfilter. ab
2012-05-18
Mäander
Die Angst vor den Fremden. Vor dem Fremden. Vor der Dunkelheit. Vor dem Licht. Vor dem eigenen Körper. Vor den Massenvernichtungswaffen. Und vor Gerhard Schröder. Vor der Abhängigkeit. Vor dem Alleinsein. Vor der Liebe. Vor allem, was irgendwie tief ist. Vor dem Meer, zum Beispiel. Davor, dass man nach Hause kommt, und jemand alles kaputt gemacht hat. Die Angst davor, dass man etwas versehentlich laufen ließ. Dass Dinge sich selbstständig machen in der eigenen Abwesenheit. Die Angst vor den Sternen. Die Angst vor der Angst. Die Angst davor, zu versagen. Und davor, selbst zu vernichten. Davor, dass irgendwer um die Ecke biegt und einen totprügelt, ganz ohne Grund. Vor dem Ende. Dass ein Feuer ausbricht, wo man gerade steht.

Ich habe einen Finger in die Nacht gehalten. Die Nacht fühlte sich nicht nass an. Auch nicht kalt. Oder dunkel. Die Nacht fühlte sich an wie überhaupt nichts. Sie hatte Körpertemperatur. Sie hatte keine Farbe. Die Nacht war ziemlich neutral. Ich hätte sie gar nicht bemerkt, wäre nicht alles darin versunken.

Zu den Sternen, zum Mond. Zum Mittelpunkt der Welt: Gib mir den Morgen zurück, der einfach beginnt. Es ist nicht sehr schwierig. Es tut gar nicht weh. Die Nacht liebt dich, wie ihr eigenes Kind.

Wenn man trocken ist und sich selbst schon als Rauch sieht. Die Angst davor, dass ein Feuer ausbricht, wo man gerade steht.

Die Angst vor der Wiederholung.


Jpg
2012-05-11
Mäander
Wir haben die Städte verbrannt. Wir haben die Kinder gewissenhaft geschändet. An den Frauen ließen wir kein gutes Haar. Wir haben alle Kreuze vernichtet. Als wir wiederkehrten an den Anfang, hatten wir die Welt gründlich getötet. Da setzten wir uns, rauchten und rissen Witze. Wir hatten die Menschheit ein Mal heiß überflogen.

„Und weißt du, er war schon im Krieg gewesen! Er hatte sogar eine Narbe. Hier. Unter dem Auge. War wohl sehr knapp…“

Als ich ihr mein Gewehr in den Arsch schob, verfärbte sich ihr Gestöhne. Ganz langsam. Sie wollte es nicht so recht glauben. Wie sich der Oberkörper dehnte, wie flexibel die Haut letztendlich ist. Äußerlich ging sie gar nicht kaputt. Das muss man gesehen haben. Dieser schöne dumpfe Knall. Bomph. Gurgel. Und dann das Schmatzen, mit dem sich der Kadaver von meinem Lauf löste. Das muss man gehört haben. Das ist äußerst privat.

„Und weißt du, er liebte mich so… mit diesem Blick… als wäre ich nicht und gleichzeitig zwei Mal da…“

Wir haben die Städte verbrannt. Wir haben die Kinder verbrannt. Die Frauen. Alles. Wir haben die Welt angezündet. Jetzt wollen wir Bingo spielen und uns erinnern: Sommer in Europa.



Jpg
2012-05-09
Mäander
Und dann, als niemand mehr daran glaubte, verdoppelte jemand die Welt und die Menschen.

Lass uns einen Tanz tanzen, der nur aus Ausfallschritten besteht. Lass uns uns ganz übel auf die Fresse legen. Ich will lachen, weil du blutest im Gesicht. Ich will, dass du lachst, weil ich weine. Ich will dich dann sehr gerne küssen. Überschwänglich. Völlig außer Rand und Band. An ein paar Irre erinnernd. Ich will dich wie das Universum: wie einen eiskalten, leeren, glücklichen Zufall. Ich will bei dir bleiben wie in einem Grab. Ich will die Schmerzen mit dir genießen.

Es gibt dich nicht. Es gibt mich nicht. Wir beide, wir sind nur erfunden. Amen. Gerne. Ich liebe dich.


Jpg
2012-05-08
a movistar
so lange man mich nicht davon abhält
werde ich immer wieder die Orte meiner Vergangenheit aufsuchen

also fahre ich in das Parkhaus meiner Erinnerungen
vorbei an der Schranke, ich zahle nicht
Mit Geld, sondern mit meiner Zeit

kreuz und quer von einem Parkdeck zum anderen
vor und zurück in der Zeit die hinter mir liegt
als wäre es nichts, als gäbe es keine Trägheit
kein Gesetz, keine Logik

wie Sperrmüll liegen die Bilder meiner vergangenen Leben in meinem inneren
Ich wühle und finde durchaus das eine oder andere Wertvolle
aber ich finde keinen Faden, schon gar keinen roten

rot ist nur das kleine Ding in mir, dass den Sauerstoff transportiert
ins Hirn, damit es weiter spinnen kann,
den Faden, das Netz, in dem Maschen immer kleiner werden,
aber niemals ganz geschlossen,
und der Tellerrand eine unüberbrückbare Schwelle wird

Die Zukunft ist
Da
Immer Da

Hoffentlich bleibt sie noch einen Moment
Da
Gerade ist es ganz gut auszuhalten



Fokuspuller
2012-05-01
Mäander
Ah! Geil. Jetzt erst mal wichsen schön. Dass es kurz kribbelt und so. Jawoll. Schön alleine. Ohne die ekligen Küsse im Anschluss. Diese feuchtwarmen Küsse, die wie ein Fieber von außen sind. Diese allzu nahen Kommentare, wenn man schon gar nichts mehr wissen will.

Ich bin so geil auf die Wüste. Mein Geschlecht ist so sehr in Kaputtes verliebt. Möchte immer dem Himmel auf den Rücken kommen. Schwere, gallertartige Wolken machen. Alle meine Soldaten verschwenden. Sich in irgendeinem Haufen toten Fleisches versenken und dort: gar nichts befruchten. Wie Phrasen das Gehirn berühren. Wie eine Maschine streicheln. Wie unkonzentrierte, beliebige Bilder, denen man keinen Sinn geben kann.

Lügen, stehlen, alles verachten. Meine Gedanken kreisen um eine vertrocknete Muschi aus Angst und Beklopptheit, die von einem Pferd kontrolliert wird. Von einem glupschäugigen, lilafarbenen Pferd.


Jpg